Grenzgängerisch unterwegs

strassburg

Gerade zurück aus Strassburg. Wir waren da für knapp 4 Tage – Freitag bis Dienstag. Das ist ja grundsätzlich ausreichend Zeit, um einen ersten Eindruck von einer Stadt zu gewinnen. Doch ein wenig schwierig, wenn so viele andere das zeitgleich auch versuchen. Unser grober Fehler in der Planung war ein Feiertag. Genauer gesagt, ein Feiertag an einem Dienstag, der auch in Frankreich gilt: Allerheiligen.

Allerheiligen? Ja, das ist der Feiertag, der vor Halloween gefeiert wurde. Wobei feiern es nicht richtig umschreibt. Es wurde gedacht. Der Heiligen. Der Heiligen gedacht. Oder einfacher gesagt: an die Heiligen erinnert. Heiligsprechung – auch so ein Thema für sich…

Na ja, auf jeden Fall…

…waren wir an so einem langen Wochenende in Strassburg. Bei bestem Wetter. Aber auch mit vielen, vielen anderen Menschen. Was ja ok ist. Wenn man das Umherziehen in Massen mag. Ich mag es nicht, habe ich festgestellt.

Doch für den ganzen Umstand kann Strassburg nichts. Die Stadt ist umwerfend schön. Wobei ich auf die ganze Touristenbespaßung gut und gerne verzichten kann. Ich brauche den ganzen Tinnef nicht. Rund um den Dom (der übrigens echt ein Sahnetörtchen ist) wird es sehr volkstümlich und grauenhaft trüschig. Da wird ge-elsassst, dass es nur so kracht. Davon unberücksichtigt sind die Strassburger und so alle Elsässer, die wir in der kurzen Zeit kennenlernen durften, sehr freundlich und nachahmenswert entspannt.

Ohne Stress

Mittelbergheim im Elsass

Weinstöcke soweit das Auge reicht.

Ob jetzt im Carrefour Supermarkt oder im traumhaft gelegenen Weinörtchen Mittelbergheim –  kein Gehetze, große Entspanntheit und – tada- Freundlichkeit. Ein Bonjour/Bonsoir an jeder Ecke, bei jedem Aufeinandertreffen. Es werden Türen aufgehalten, freundlich gelächelt und gewartet. Schön!

An den Ampeln in Strassburg wird dagegen nicht unbedingt gewartet. Da gilt das Prinzip des Stärkeren. Ja, es gibt dort Ampeln und Zebrastreifen. Aber – so what! Wer Vorfahrt hat, bestimmt nicht das Verkehrszeichen. Ampeln werden mehr so als Empfehlung angesehen. Und Zebrastreifen? Ja, wenn du mutig bist, bestehst du auf dein Vorrecht als Fussgänger. Ansonsten schaust du einfach nur, dass du heil über die Straße kommst. Ungeachtet der verkehrsregulierenden Maßnahmen.

Strassburg. Innenstadt. Geformt wie ein Auge. Die Ill, ein Nebenfluss des Rheins, hat eine Art Insel gebildet. Im Mittelpunkt davon befindet sich der Dom. Die Cathédrale Notre-Dame. Es mangelt nicht an Kirchen und prachtvollen Bauten in  Strassburg. Jede Menge wunderbare Häuser. Und dazwischen immer wieder vollkommen unbeeindruckt Bau-Sünden vom Feinsten. Doch diese Brüche mag ich an einer Stadt. Wenn alles zu perfekt, zu harmonisch ist, dann werde ich misstrauig. So ist das Leben nicht. Also zumindest meines nicht. Da gibt es auch jede Menge Brüche. Aber auch sehr schöne Ecken. Wie in so ner Großstadt eben.

Was mir die Freude an meinem Besuch in Strassburg jedoch vermiest hat, waren weder die Menschenmassen noch die Stilbrüche. Es war die Omnipräsenz des Militärs. Unsere Antwort auf die Terrorgefahr. Es wirkt auf mich bizarr.

Militärpräsenz mitten in Strassburg

Militärpräsenz mitten in Strassburg

Da laufen bis an die Ohren bewaffnete, junge Menschen rum. Die bereit sind, ihr Leben für mich, ältere Schachtel, zu opfern. Schon während ich das schreibe, kommt es mir seltsam vor. Unwirklich. Wir rücken mit schwerbewaffneten Leuten los, um uns vor schwerbewaffneten Leuten zu schützen. Ich konnte nicht in eine Einkaufspassage gehen, ohne auf Waffen kontrolliert zu werden. Fühle ich mich deshalb sicherer? Oder würde ich mich sicherer fühlen, wenn ich die Präsenz des Militärs nicht sehen würde?

Wem dient diese Art der Abschreckung? Mir? Den Touristen? Dem IS? Es wirkt auf mich so hilflos. Ich würde mich lieber darauf verlassen, dass die Menschen, die wirklich glauben, durch Tod und Zerstörung irgendeinem „Gott“ auf dieser Erde dienen zu können, weit vorher entkräften werden können. Als würde sich irgendein fanatischer Mensch davon abschrecken lassen, dass ein paar nette Soldaten mit Maschinenpistolen durch die Stadt ziehen. Wenn da zugeschlagen wird, wird anders agiert. Was aber durch diese Präsenz passiert, durch Taschenkontrolle und „mit-Maschinengewehr-durch-die-Innenstadt-patrollieren“ ausgelöst wird, ist Angst. Und Fremdenhass. Das missfällt mir mächtig.

Ja, es gibt Fanatiker. Ja, diese geben ihr eigenes Leben auf, um in ihren Augen irgendeinem „höherem“ Ziel zu folgen. Und ja, ich wünsche mir, dass  dieser Wahnsinn beendet wird. Ein Ende finden kann. Weltweit. Ja, ich verstehe nicht, wie so ein Denken überhaupt entstehen kann. Wie Fanatismus entsteht. Klar kann ich mir einige Abhandlungen darüber durchlesen. Aber verstehen werde ich es dennoch nicht können. Zu sehr weicht mein eigenes Empfingen davon ab.

Strassburg – Terror –  Militär

Ja, ich weiß, dass es viele Orte auf dieser Welt gibt, an denen Krieg herrscht. Schon lange und leider wahrscheinlich auch noch für länger. Es ist für mich unverständlich. Nicht, weil ich grenzenlos naiv bin. Eher, weil ich das Denken dahinter nicht nachvollziehen kann. Was macht es uns so unmöglich, tolerant zu sein. Warum brauchen wir so sehr die Bestätigung dafür, dass die Welt nur so funktioniert, wie wir sie begreifen? Warum können wir nicht einfach zulassen, dass wir alle nur ein Teil dessen sind, was möglich ist? Ich werde es nie verstehen. Und ich wünsche es mir mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft anders. Überall auf der Welt. Nicht nur in Strassburg.

Mich erschreckt der zunehmende Fremdenhass. Ich möchte das nicht glauben. Alles in mir sträubt sich gegen diese Entwicklung. Und ich hoffe inständig, dass es einen Weg gibt. Einen Weg raus aus dem Fremdenhass. Einen Weg der Toleranz. Bitte!

Besonders in Strassburg, besonders als Deutsche, möchte ich mich für Toleranz einsetzen. Wir Deutschen haben hier sehr intolerante Spuren hinterlassen. Wenn ich in den Geschichtsbüchern stöbere, möchte ich mich nur schämen. So viel Ungerechtigkeit, so viel Engstirnigkeit, gepaart mit Selbstverherrlichung. Unglaublich. Ich möchte nicht, dass sich das wiederholt. Kein Fremdenhass. Nirgendwo.

P. S.: Eigentlich hatte ich einen leichten, freundlichen Bericht über Strassburg geplant. Aber es hat sich anders ergeben. Mich bedrückt die Atmosphäre in unserem Landen. Sehr!

P. P. S.: Eine Lösung habe ich nicht, außer der, einfach konsequent Freundlichkeit und Humanität zu leben.

Und was meinst Du dazu?