Von Hutsimpeln und Aggressions-Bewältigungsstrategien

Nadine Beneke schreibt es sich von der Seele

Das Gute im Menschen

Es gibt diese Tage, an denen die blanke Wut in einem hochsteigt. Der Auslöser kann der Vordrängler an der Bäckerschlange sein. Eine Mail im schnippischen Ton. Oder, ja oder, der Mann, der am Nebentisch im Café sitzt und dem gerade angekommenen Gegenüber rät, sich „wegzusetzen“, damit der Rauch seiner elektronischen (!) Zigarette ihn nicht tangiert. Besagtes Gegenüber hat einen guten Tag, wie mir mein Begleiter zuflüstert. Ich jedoch sehe diese Angelegenheit erst dann als erledigt an, wenn ich meinem Unmut Luft gemacht habe.

Während ich dabei zu leidenschaftlichen, irrationalen und passiv-aggressiven Bemerkungen neige, versuche ich immer wieder, mir die ausgeklügelten Aggressions-Bewältigungsmechanismen meiner Oma und meiner Mutter vor Augen zu halten. Doch dazu später. Denn wenn ich erstmal kurz an meiner festen Überzeugung zweifle, dass alle Menschen – zunächst – gut sind, dampfe ich bereits aus beiden Ohren.

Nervende Negativlinge

Mann im CaféDas hat im Übrigen gar nichts mit der Hoffnung auf den veganen, Jutebeutel-tragenden Stereotyp-Gutmenschen zu tun, sondern damit, dass Menschen, so darf ich doch annehmen, mit anderen Menschen mitfühlen. Manche Menschen aber, meint man, fühlen gar nicht. Wie der Anzugträger im Café. Der hat vielleicht den ganzen Tag den Bückling machen müssen. Kam genervt von der sowieso verhassten Arbeit, in seiner teuren Garderobe. Kaum verwunderlich also, dass der Hippie-eske Nebenmann mit langen Haaren und einer für ihn wohl provokanten Gelassenheit ihm nicht zusagt. Aber Mitleid – nein! Der Hippiemann steht, weil es ihm reicht, auf und bläst seinen elektronischen Blaubeerrauch anderswo umher. Mein Kumpel und ich bleiben sitzen und ergießen uns in verbalen Attacken, gerichtet an den Nebenmann. Immer röter wird er, sagen tut er allerdings nichts mehr.

Von diesen nervenden Negativlingen gibt es, schaut man sich aktuell auf der Welt um und hört man aufmerksam den Nachrichten zu, ganz schön viele. Diesem Wahnsinn muss man Abhilfe schaffen. Mit familiär überlieferten Bewältigungsmethoden beispielsweise.

Waldfrieden und Flötentöne

Soviel vorab: Passiv-aggressiv sind wir in unserer Familie alle – ausgestattet mit einer „Klappe wie einem Schwert“, wie mehrfach von Mithörern bestätigt wurde. Außerdem ging meine Oma früher regelmäßig in den Wald, um laut „Arschloch“ oder „Hutsimpel“ zu rufen. Letzterer ist – der Definition nach – ein sehr einfältiger Mensch.

Und eben jene sind es ja, die einen immer wieder auf die Palme bringen. Während die Methode meiner Oma inzwischen ins heimische Bad verlegt wurde, weil der Wald einfach nicht nah genug ist für die Frequenz der Hutsimpel, hinterlegte meine Mutter, die sowieso immer für ein direktes Wort aufgelegt ist, in ihrem Auto in den Achtzigern eine Flöte. Wenn mal wieder ein Stau oder ein besonderes „Rindvieh“ vor ihr herschlich, zückte sie das Blasinstrument, und machte ihrem Ärger Luft. Gegen diese wahrlich innovativen und innerlich reinigenden Maßnahmen, fühle ich mich manchmal, verbal austeilend, singend, schreibend und Schlagzeug spielend, schon fast plump. Nichtsdestotrotz ist es unglaublich befreiend, im Rhythmus unterzugehen, oder „You give love a bad name“ von Bon Jovi auf die aggressivst-mögliche Weise zu interpretieren.

Lang lebe die Empathie!

Doch noch einmal zu den Gutmenschen. Vielleicht ist es ja vermessen und ganz schön selbstgerecht, von jedem zu verlangen, den eigenen Ansprüchen des Gut-Seins zu entsprechen. Die definiert nun einmal jeder für sich. Nicht vermessen ist es jedoch, zu verlangen, sich der Empathie zwischendurch hinzugeben. Jemanden nicht einfach anzuranzen, weil man einen schlechten Tag hatte. Einmal kurz einzutauchen in die Lage anderer.

Klaus Lage sang zum Beispiel über eine geliebte Frau: „Ihr müsst sie nur einmal mit meinen Augen sehen“. Als Kind fand ich diese Vorstellung unglaublich unheimlich – und eklig. Aber es ist eben die Sichtweise, die alles verändert. Ich versuche fast immer, den Standpunkt des anderen zu verstehen. Was uns die nichts-für-ungut-Menschen allerdings lehren sollten, ist, dass es wichtig ist, seinen eigenen Standpunkt nie aus den Augen zu verlieren. Den eigenen Prinzipien und dem eigenen Herzen zu folgen. Denn jeder ist wertvoll. Nicht nur der, der ohne Rücksicht auf Verluste austeilt. Denn wenn derjenige Pech hat, trifft ihn die Klappe eines anderen – wie ein Schwert.

Und was meinst Du dazu?