Wenn plötzlich einer fehlt

trauerWenn plötzlich einer fehlt, fühlt es sich an, als würde ein Stück aus der Seele gerissen
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Unabänderbar

Mein Cousin ist gestorben. Für mich plötzlich und schnell. Für seine Familie und ihn zwar mit etwas mehr Zeit zum Verarbeiten, aber dennoch hart und entschieden.

Mein Cousin war kein Kind von Traurigkeit. Das sagt man hier am Niederrhein gerne mal über einen Menschen, der sich nicht so konform an die bürgerlichen Regeln hält. Mein Cousin war ein Freak, ein Rebell. Ein „Stinkefinger-Zeiger“. Und dennoch hatte er bürgerliche Strukturen. Er war verheiratet, hatte drei Kinder und versuchte, sich in der geregelten Arbeitswelt zurechtzufinden.

Luft zum Atmen

Das klappte in Summe nur mäßig. Denn bis auf seine unerschöpfliche Liebe zu seiner Familie ging ihm alles andere Konventionelle sehr schnell auf den Driss.

Er brauchte und forderte Freiraum, seine eigene Gangart, Platz für Individualität. Fand ich schon klasse. Beeindruckend.

Ich war nicht mit allem einverstanden. Fand auch nicht alles gut und ja, wir waren an einigen Punkten auch gepflegt anderer Meinung. Aber in Summe… in Summe fand ich ihn echt gut.

Leb dein Leben – ich leb meins

Aus den Augen hatten wir uns verloren. Ein wenig. Es gab Zwist in unserer Familie. Trennungen und Verletzungen. Das brachte auch uns weiter auseinander. Aber ganz verloren wir uns nie.

Und jetzt das. Dieser Anruf am Samstag morgen. Das Umstürzen von Plänen und Ins-Krankenhaus-eilen, das Nicht-fassen-können von dem, was ich vorfand. Es hat mich tief getroffen.

Peace

Frieden habe ich gefunden durch die Möglichkeit, mich von ihm zu verabschieden, ihm noch einmal nahe sein zu können, seinen Humor zu spüren, seine Kraft und Energie. Und das, was er an seinen Kinder weitergibt – dieses Rebellentum, dieser unerschütterliche Glaube, dass das Leben Freiheit heißen sollte.

Für mich gab es neben all der Trauer und dem Entsetzen noch einen weiteren, überraschenden Aspekt: Das Sterben selber hat mich nicht erschüttert. Es fühlte sich selbstverständlich und natürlich an. Besser kann ich es nicht beschreiben. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Es war nicht fremd, nicht unangenehm. Ihn leiden zu sehen, das war im höchsten Maße unangenehm, aber sein Sterben? Nein. Das war annehmbar.

Trauer

Jeder von euch, der schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat, weiß bestimmt, wie individuell sich Trauer anfühlen kann. Und wie viele Facetten diese auch hat. Da gibt es unendliche Traurigkeit und zugleich ein ganz warmes Gefühl der Liebe und Verbundenheit. Verdrängung und Schmerz, Loslassen-können und Festhalten-wollen, unbändige Wut und ein Gefühl des tiefen Friedens. Zumindest war es bei mir und seiner Familie so.

Gut ist auch, dass danach der Alltag uns gefangen nimmt. Es gibt so viel zu regeln, so viel zu tun. Da bleibt oft keine Zeit für düstere Gedanken. Die schleichen sich zwar immer wieder heimlich ins Bild. Aus gutem Grund und vollkommen berechtigt. Aber ebenso berechtigt ist die Möglichkeit der Ablenkung.

In der Zeit trauere ich ja weiter, nur nicht bewusst. Und das Bewusstsein kann sich mal sammeln. Kann eine Verschnaufpause nehmen. Die Trauer kommt schon. Doch sie hat ihr eigenes Tempo. Bei machen steht sie sofort im Raum – bei anderen dauert es Wochen, Monate, Jahre, bis sich die Büchse der Pandora öffnet.

Wie es mir damit in den nächsten Wochen gehen wird, weiß ich nicht. Ich lass es auf mich zukommen. Bin dankbar um die Möglichkeit, Abschied nehmen zu können. Bin dankbar, noch einmal seinen trockenen Humor erleben zu dürfen. Und seine Zuversicht – auch im Angesicht des Todes. Ein starker Mensch ist da gegangen. Gut, dass es ihm gab.

Und was meinst Du dazu?