Abschied nehmen

Abschied nehmen

Familie. Lange Zeit recht schlicht definiert in Vater, Mutter, Kind(er) und alle weiteren Blutsverwandte.

Heutzutage definiert sich das breiter. Da fallen auch Personen rein, die nicht Blutsverwandt sind. Personen, die irgendwann Teil des Ganzen wurden. Lebenspartner, Stiefkinder, adoptierte Kinder, Ex-Partner … einfach tiefgefühlte Zugehörige.

Menschen, die uns vertraut werden. Die unser Leben begleiten. Oft in stellvertretender Position. So auch bei diesem Menschen.

Seit mehr als 4 Jahrzehnten gibt es da einen Menschen in meinem Leben. Mit Ecken und Kanten. Mit Eigenschaften, die mich durchaus auf die Palme bringen. Aber auch sehr vielen liebenswerten, menschlichen Seiten.

Und genau dieser Mensch hat jetzt eine Diagnose erhalten, die die Endlichkeit unseres Lebens krass in den Vordergrund rückt: Unheilbar.

Zu erhoffende Lebenserwartung von 6 Monaten bis max. 2 Jahren. Wenn wir uns den Verfall dieses Menschen in den letzten Monaten anschauen, fällt es schwer, auf 2 Jahre zu hoffen. Wenn wir uns den Menschen anschauen, möchten wir gerne auf ein Wunder hoffen.

Es erscheint so ungerecht. Da raucht und trinkt jemand nicht. Hat zwar gesundheitliche Vorbelastungen, aber die haben alle mit seiner jetzigen Diagnose nichts zu tun.

Hart ist auch, dass diese Person an etwas erkrankt ist, das eigentlich als Industriekrankheit gilt. Das Land, dessen Staatsbürgerschaft er hat, weigert sich derzeit, dies anzuerkennen und sieht sich deshalb nicht in der Verantwortung, für die Pflegekosten aufzukommen. Und ja, es handelt sich um ein europäisches Land. Er hat dagegen geklagt. Den Ausgang des Verfahrens wird er wohl nicht mehr erleben. Doch hilft er damit hoffentlich weiteren Menschen mit dieser Diagnose.

Möchte mich hier nicht über die Ungerechtigkeiten dieser Welt aufhalten. Das würde in Tiefen führen, die unmöglich über eine Blogbeitrag geklärt werden können.

Ja, es gibt Ungerechtigkeiten. Immer. Überall. Doch unabhängig davon geht es gerade um den Abschied eines lieb gewonnenen Menschen. Um das Bestmögliche, was wir ihm mitgeben können. Abgesehen von Umarmungen und gemeinsam verbrachte Zeit.

Die Endlichkeit unseres Seins

Oft habe ich darüber nachgedacht: Was wäre mir lieber? Mit 180 vorm Baum enden, einfach Abends einschlafen und nicht mehr wach werden oder eben mit einer Diagnose konfrontiert, die mir die Endlichkeit meines Lebens deutlich vor Augen führt. Mit dem vermeintlichen Vorteil, Abschied nehmen zu können.

Hab mir oft gewünscht, einfach extrem senil zu werden. Mich nicht mehr bewusst an meinen Alltag zu erinnern. Und dann, in diesem Dämmerzustand, aus dem Leben zu gleiten. Finde es brutal, geistig noch komplett fit zu sein und den körperlichen Verfall bewusst mitzuverfolgen.

Weniger werden

Leider haben wir keine bewusste Wahl. Wie wir aus diesem Leben ausscheiden kann so unterschiedlich ausfallen. Sicherlich können wir auch selber bestimmen wann unser Leben endet. Durch einen Selbstmord.

Dafür gibt es mögliche Beweggründe: unheilbare Krankheit, Krieg und Zerstörung ohne Hoffnung, tiefe Depressionen.

Ich möchte es nicht für mich ausschließen, mein Leben selber zu beenden. Doch derzeit fühle ich mich davon weit entfernt.

Für das indirekte Mitglied unserer Familie stellt sich die Frage nicht. Klar besteht die Option, sich selber aus dem Leben zu knallen, doch wahrscheinlicher ist, dass die Lebenskraft mehr und mehr weicht. Und der Prozess des Sterbens bewusst miterlebt wird.

Mein Cousin ist vor knapp 2 Jahren verstorben. Zu erleben, dass er noch Stunden vor seinem Tod so klar und wach war, hat mich nachhaltig beschäftigt. Er hat eingesehen, dass das Leben unter den gegebenen Bedingungen keinen Sinn mehr macht, doch das Loslassen und darauf vertrauen, dass es danach weitergeht, gut weitergeht, war eine echte Hürde. Ein Sprung in unbekannte Tiefen.

Nun steht einem weiteren Mitglied unserer Familie dieser Sprung bevor. Es fühlt sich so schmerzhaft an. Mein Wunsch, ihn vor dieser Erfahrung zu schützen, ist groß. Doch das wird nicht helfen.

Aufräumen

Mein Leben. Welche Spuren werde ich hinterlassen? Was bleibt? Bleibt irgendwas? Diese Fragen laufen gerade durch das Hirn unseres Wahl-Verwandten. Neben den Fragen: Was kommt danach? Kommt danach was?

Und dann ist da noch deutlich und immer lauter werdend der Aufschrei:

Ich will das nicht!

Ich will ewig leben. Nicht abbauen, nicht weniger werden. Und dennoch werde ich. Weniger.

Mein Wunsch ans Universum – bitte nehme diese Seele mit einem Funken Humor auf. Lass ihn noch einmal so richtig lachen und das Glucksen tief, tief in sich fühlen. Und ja – lass ihn fühlen, wie sehr wir ihn lieben.

Nachtrag: Im November 2019 mussten wir von ihm Abschied nehmen. Er starb in der Gewissheit, dass wir ihn sehr, sehr lieben.

Und was meinst Du dazu?