Mein Osterfest hat Risse bekommen

Ostern 2019 mit Rissen

Wir schreiben das Jahr 2019 nach Christus und feiern gerade seine Auferstehung. Zumindest hier, am linken Niederrhein. Und in allen anderen, nicht orthodoxen Regionen.

So in Paris, wo gerade eine sehr bedeutsame Kirche fast komplett abgebrannt ist. Die Notre Dame. Ein über 800 Jahre altes Bauwerk.

Passiert ist das in der Woche vor Ostern, am Abend des 15. April 2019. Es schlich erst als unscheinbare Nachricht in meinem Newsfeed rum, doch dann wurde es sichtbarer und intensiver. Auch die Kommentare. Was wurde sich gestritten, was wurden für Fässer aufgemacht!

Sobald jemand Betroffenheit bekundete, kam wie aus dem Nichts ein Kritiker angeschossen. Mit moralischen Keulenschlägen. Und als dann noch ein reicher Mann viel, viel Geld für den Wiederaufbau spendete, brach es über uns her. Das geht doch nicht! Wie kann sich jemand erdreisten, so viel Geld für ein Gebäude – FÜR EIN GEBÄUDEEEEE!!!! zu spenden? Wo doch überall auf der Welt Elend herrscht und dort viel dringender Geld gebraucht wird.

Die moralische Keule

Da ist es wieder: das Entweder – Oder. Das Schwarz oder Weiß. So wenig Relation, so wenig AUCH.

Ich habe nicht für Notre Dame gespendet und dennoch war ich betroffen. Für Ärzte ohne Grenzen spende ich schon seit Jahren. Monatlich. Bin als Ehrenamtlerin an verschiedenen Ecken tätig und denke dennoch, dass ich zu wenig gebe. Zu wenig für die Not, die auf unserer Erde herrscht. Doch würde ich nicht auf die Idee kommen, Menschen, die sich durch den Brand dieses Bauwerks betroffen fühlen, so hart zu verurteilen.

Ein Unglück

Dann passiert ein paar Tage später ein furchtbarer Unfall in Madeira. 29 Menschen sterben, viele sind verletzt. Ein Bus ist einen Hang heruntergestürzt. Alle Opfer waren Deutsche, fast alle Verletzte auch. Was für mich keinen Unterschied macht. Das Unglück war dramatisch, egal, wer davon betroffen war.

Auch hier wurde öffentlich im Netz debattiert. Doch deutlich stiller. Weniger aggressiv. Ein paar konnten sich nicht beherrschen und fingen an, ein historisches Gebäude gegen Menschenleben abzuwägen. Warum? Warum darf ich nicht beides schlimm finden? Vielleicht das eine so und das andere so. Ich empfinde ja auch Liebe auf verschiedene Arten. Da muss ich auch nicht entweder lieben oder hassen, um glaubwürdig zu sein. Warum immer dieser Aufschrei nach Absolutheit, nach EINER WAHRHEIT? Ich verweigere mich da. Meine Welt ist und bleibt bunt.

Und da kam der Riss

Ostersonntag, an mit dem heiligsten Feiertag des Christentums, wurde in Sri Lanka eine Reihe an Anschlägen verübt. Auf christliche Kirchen und Luxus-Hotels. Ein klarer Anschlag auf das Christentum in einem Land, in dem überwiegend Buddhisten leben. Nur 7% sind Christen. Wer den Anschlag verübt hat, ist noch unklar. Wird es vielleicht immer bleiben. Es gibt zwar schon eine Menge Verhaftungen, doch von welcher Qualität?

Diese Anschläge haben den Riss in mein Osterfest erzeugt. Ich konnte mich nicht mehr so richtig an all dem, was um mich herum so friedlich und froh geschah, erfreuen. Zu traurig hat es mich gemacht, dass es immer noch Menschen gibt, die an besonderen Feiertagen einer bestimmten Religion Tod und Zerstörung schaffen, die dem irrigen Glauben folgen, es könnte nur eine Wahrheit geben. Und dafür bereit sind, andere, die vermeindlich nicht ihrer Überzeugung sind, zu töten oder in Trauer zurückzulassen.

Was hat das bitte mit Religion zu tun?

Ich bin zwar christlich getauft, aber keine der Kirche besonders zugewandte Person. Dennoch ist Religionsfreiheit für mich ein sehr wichtiges Gut. Auch wenn ich meinen eigenen Glauben nicht klar umreißen kann, gibt es etwas, was für mich über all der Deutung schwebt:

Nächstenliebe

Ethik. Respekt. Menschlichkeit. Anstand. Mir fallen dazu viele Worte ein.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

JHWH

Dieser Ausspruch wird der allumfassenden Gottheit zugesprochen, auch abgekürzt mit JHWH. Es ist simpel und dennoch so aussagestark. Ich ergänze gerne noch um: liebe alle Lebewesen wie dich selbst.

Ist vielleicht eine Utopie, doch wer sich nicht auf den Weg macht, kann garantiert nicht ankommen.

So alt wie die Menschheit

ist die Frage nach dem Sein. Was ist der Kern unseres Daseins, was der Sinn?

Konfuzius, ein Philosoph, der bereits gut 500 Jahre vor der mutmaßlichen Geburt Jesus auf die Frage einer seiner Schüler antwortete:

„Begegne den Menschen mit der gleichen Höflichkeit, mit der du einen teuren Gast empfängst. Behandle sie mit der gleichen Achtung, mit der das große Opfer dargebracht wird. Was du selbst nicht wünschst, das tue auch anderen nicht an. Dann wird es keinen Zorn gegen dich geben – weder im Staat noch in deiner Familie.“

Kurz gesagt ergibt das: „Was du nicht willst, was man dir tut, das füge auch keinem anderen zu“ und in dieser Form ist es mir auch ewig im Sinn.

So war dieses Ostern für mich kein unbeschwertes Fest. Es hat mich zum Nachdenken gebracht. Über mich, über meinen Glauben, über unsere Welt und unser Miteinander.

Mein Mitgefühl gilt allen, die in diesen Tagen schwer mit Verlust zu kämpfen haben und in ihrem Herzen dennoch keinen Hass entwickeln. Lasst uns nicht anstecken. Lasst uns dagegenhalten.

Meine persönliche Devise seit vielen, vielen Jahren lautet:

„Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.“

Immanuel Kant (1724-1804)

Wie sieht es bei dir aus? Wie ging es dir an diesen Ostertagen?

Und was meinst Du dazu?