Schwäne gucken

Swan Lake reloaded

Gestern war ich Schwäne gucken. Aber nicht im Park oder sonstwo im Freien. Nein, in einer gut beheizten Lokation in der Stadt mit D. Mit Freunden (und Engländer) besuchte ich das Capitol, um Swan Lake reloaded zu schauen.

Mit dem Capitol verbinde ich viele gute Erinnerungen. Hier habe ich vor ein paar Jahren die Rocky Horror Picture Show gesehen und mich wie ein kleines Kind gefreut, als mit Reis geschmissen wurde. Sahnehäubchen war Ralph Morgenstern als Narrator. Einfach nur genial!

Kultur statt Depot

Capitol Foyer

Im Foyer des Capitols trifft Kunst auf Licht

Mitte der 90er wurde aus dem ehemaligen Straßenbahndeopt der Rheinbahn AG ein Kulturtheater vom Feinsten. Mit dem Musical-Klassiker Grease wurde das Capitol eröffnet. War ganz bestimmt eine tolle Show. Ich war das erste Mal 2001 dort. Leider weiß ich nicht mehr, wie das Stück hieß. Ich hatte meiner Mutter die Karten zum Geburtstag geschenkt. Es ging um lateinamerikanische Rhythmen, um Ghetto und Gospel. So ein bisschen West Side Story – nur etwas wilder. Meiner Mutter hat es super gefallen. Sie wäre uns beinahe tanzend vom Stuhl gekippt. Mir das hat Musical auch gut gefallen – aber das Theater noch mehr!

Und jetzt eben Swan Lake reloaded. Da weder meine Freunde, noch der Engländer und ich das Balett Schwanensee von Tschaikowsky jemals komplett gesehen hatten und nur einige der Titel kannten, waren wir zuerst ein wenig überfordert. Doch auch mit dieser peinlichen Wissenslücke kamen wir schnell im Stück an. Es ging schon imposant los. Der böse, schwarze Schwan trat auf die schwarze Bühne und vollzog eine Art Feuertanz mit irren Lichteffekten, unterlegt von akustischen Gewehrsalven. Wow! Aber auch beklemmend.

Verstärkt wurde das beklemende Gefühl für mich durch die ungewohnte strenge Taschen- und Leibesvisitation beim Einlass. Das hatte ich in dieser Form vorher noch nie erlebt. Vor dem 13.11.2015 wäre ich auch nie auf die Idee gekommen, dass so eine Freizeitveranstaltung Ort eines Attentates werden könnte. Doch nach Bataclan ist da mit einem Mal Unbehagen, selbst bei dieser Art von Freizeitvergnügen.

Sichere Sicherheit?

Natürlich ist das Leben immer gefährlich. Auch an einem Ort des Freizeitvergnügens. Es kann ein Feuer ausbrechen, ein Strahler kann von der Decke stürzen oder sonst ein Unglück passieren. Sicher ist man nirgendwo. Doch fühlen wir uns normalerweise an solchen Orten nicht in Gefahr. Ich hätte auch nicht gedacht, dass die Leitung vom Capitol so eine verschärfte Kontrolle für notwendig halten würde. Neben der strengeren Einlasskontrolle wurde mehrmals durchgesagt, dass bitte alle große Taschen, Schirme und andere sperrige Gegenstände an der Garderobe abgegeben werden. Ansonsten würde kein Einlass in den Saal gewährt. Schon beklemmend, oder?

Es gab auch keine Pause – die Saaltüren wurden einmal geöffnet und blieben anschließend bis zum Ende der Show geschlossen. Wer etwas während der Vorstellung trinken wollte, konnte sich dies in Plastikbechern mit reinnehmen. Aber Wein aus 0,2 l Plastikbechern ist nicht so der richtige Genuss.

Insgesamt wirkten die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen befremdend. Ist mir in dieser Form zum ersten Mal begegnet. Sicherlich musste ich schon vor Konzerten meine Tasche öffnen, aber mit einem Metalldetektor bin ich außer am Flughafen noch nie kontrolliert worden. Vielleicht müssen wir uns einfach daran gewöhnen. Vielleicht gehört das in Zukunft dazu. So wie beim Fliegen. Und ja, es gibt Schlimmeres. Dennoch hat es mich auch ein Stück traurig gemacht. Ein Bereich mehr, von dem ich ausgehen muss, dass er manchen Leuten Anlass für sinnlose Gewalt gibt. Weil diese Art des Vergnügens als Verstoß gegen Gebote ihrer Religion angesehen wird. Weil hier Fanatismus Einzug gehalten hat.

Ja, aber…

Und bevor hier die Diskussion wieder los geht – nein, ich bewerte kein Leben höher oder wertvoller als ein anderes. Und ja – ich weiß, dass unser aller Leben endlich ist und es uns immer und überall „erwischen“ kann. Dennoch brauchen wir doch Räume, an denen wir uns sicher fühlen. Räume, an denen es hochunwahrscheinlich ist, dass uns etwas passiert. Orte, an denen wir entspannen können, uns erfreuen können. Ob bei einem Glas Wein abends in einem Straßencafé, ob bei einem Fußballspiel oder eben bei einem Konzert.

Ich bin froh, dass die Entspannung nach kurzer Zeit auch wieder im Saal des Capitols spürbar war. Das Stück war zu großartig, um sich von Angst gefangen halten zu lassen. Und es fühlte sich gut an. Ein wenig trotzig habe ich gedacht: „Und wenn es mich jetzt hier erwischen sollte, ich habe mein Leben genossen und genieße auch dieses Stück. Ätsch!“

Wunderbar!

Genug der trüben Betrachtung – hin zum Stück:
Es war beeindruckend, wie mit wenigen Stilmitteln aus den Darsteller Schwäne, Zuhälter, Prostituierte, Könige, Narren und Möbel wurden. Wie perfekt die Performance, wie sensationell das Bühnenlicht, wie irre die Musik! Schaut selber:

Wieder einmal war ich restlos begeistert von der Darbietung im Capitol. Und nicht nur ich. Es gab mindestens 4 Vorhänge und Standing Ovations, bevor die Künstler glücklich von der Bühne gingen und wir breit grinsend die Heimreise antraten.

Meine Konsequenz:

Selbst wenn die Kontrollen noch härter werden und wenn es noch gefährlicher wird, solche Veranstaltungen zu besuchen – ich werde hingehen!

Kultur macht mir den Kopf frei und mein Leben reicher. In meinen Augen kann so etwas unmöglich gegen irgendeine Religion verstoßen. Und wenn, dann ist es nicht die richtige Religion.

Und was meinst Du dazu?