Unendlichkeit

80. Geburtstag

Meine Mutter hat dieser Tage ihren Geburtstag gefeiert. Das macht sie jedes Jahr, von daher nicht so etwas Besonderes. Bis auf die gelebte Jahreszahl: 80!

So alt wurde meine Oma auch. Doch sonst niemand aus meiner Familie. Und auch meine Mutter durfte die (bittere) Erfahrung machen, als einzige von 4 Kindern noch zu leben. Sie ist die „Jüngste“, von daher noch nicht so ungewöhnlich. Dennoch ein seltsames, für mich (noch) nicht nachvollziehbares Lebensgefühl.

Ver-rückt

Schon verrückt, wie sich die Sicht auf das Leben „ver-rückt“. Lange Zeit war ich damit beschäftigt, endlich erwachsen zu werden. Bin ich dann auch irgendwann geworden. Erst mal nur amtlich (mit 18), später, um einiges später auch so innerlich.

Und jetzt? Mit Mitte 50? Da schau ich sowohl nach vorne als auch nach hinten. Hab lange überlegt, ob ich in meinem öffentlichen Leben (Bloggen und so) offen mit meinem Alter umgehe oder so tue, als wäre ich auf Ewig 30.

Ja, wäre eine Option gewesen. Hätte auch Vorteile gebracht. Hätte sich vielleicht positiv auf den Altersdurchschnitt meiner Leser ausgewirkt. Doch das möchte ich gar nicht. Möchte lieber zeigen, dass sich das Leben und das Empfinden nicht nur nach Jahren sortiert, aber die gelebten Jahre durchaus Einfluss nehmen auf die Wahrnehmung eben diesen Lebens.

Mittendrin

Jetzt, mit 55 und einer fast 30jährigen Tochter auf der einen Seite und einer eben erst 80 Jahre alt gewordenen Mutter fühle ich mich so mittendrin. Und ich empfinde mein Alter als Luxus. Viele Kämpfe und Krisen liegen (wie bei den meisten von euch) bereits hinter mir. Die Unwegsamkeiten des Alters (hoffentlich) noch vor mir.

Ja, klar, je älter ich werde, desto mehr erinnert sich mein Körper daran, dass ich nicht für die Ewigkeit gedacht bin. Auch wenn ich es mir nicht vorstellen kann, mal nicht mehr da zu sein. Mein Körper steuert diesen Zustand zunehmend an.

Macht mir das Angst? An manchen Tagen bestimmt. Doch in der Regel nicht. Ich bin zufrieden. Sehr! Ohne jemand besonderes zu sein oder mich aus der Masse mit besonderen Taten hervorgehoben zu haben, habe ich dennoch die meiste Zeit ein sehr komfortables Leben leben können. Und das, obwohl für unsere Verhältnisse recht arme Zeiten dabei waren. Dennoch habe ich nie um mein (Über-)Leben fürchten müssen.

Ein Geschenk

Das ist in meinen Augen ein unglaubliches Geschenk. Ein Geschenk, für das ich bewusst so gar nichts getan habe. Außer, zur vermeintlich richtigen Zeit am richtigen Ort geboren zu sein. Und auch im richtigen Umfeld.

Ja, meine Familie ist/war auch ganz schön schräg. Da ging es nicht nur honeymoon-mäßig zur Sache. Wir haben (fast) alles im zwischenmenschlichen Bereich mitgenommen: Scheidung, Vertrauensmissbrauch, weitere Missbräuche und, und, und…

…doch wir waren nicht existenziell bedroht. Meine Mutter und ihre Familie schon. Meine Mutter wurde 1938 geboren. Sie war krank, als sie auf die Welt kam. Geschwächt. Und sie stand auf einer Liste. Eine Liste, in der all die Kinder aufgeführt wurden, die entledigt werden sollte, die nicht stark und lebensfähig seien. Nach Ansicht eines Regimes, dass für uns heute Geschichte ist. Ein Regime, dass wir immer mehr vergessen möchten. Uns nicht vor Augen führen, dass es diese grobe Verachtung von menschlichen Lebens innerhalb unserer Gesellschaft sehr wohl und sehr intensiv gegeben hat.

Mein Opa war Soldat. Er war in Gefangenschaft in Russland. Keine Ahnung, wie genau sein militärischer Grad war. Keine Ahnung, welcher Gesinnung er angehörte. Doch er hat gekämpft. Nicht (nur) auf dem Schlachtfeld (was für ein unglaublicher Begriff: Schlacht-Feld!), nein, auch still und bemüht unauffällig in seinem privaten Leben. Er hat meine Mutter aus dem Krankenhaus „gestohlen“. Meine nach Ansicht der Ärzte nicht (über-) lebenswerte Mutter.

Wir kennen das nicht. Unser Leben zeigt auch Krisen auf. Es geht uns auch nicht immer gut. Und wir leiden auch. Denn Leid ist relativ. Dennoch war es damals hier in Deutschland eine um einiges extremere Situation. Damals?!? Für uns schon. Doch für den Großteil der Menschheit gelten solche und ähnliche Lebensbedingungen noch heute. Ja. NOCH. HEUTE. 2018!

Humanität

Das kann ich nicht ändern. Und wenn, dann nur im extrem kleinen Rahmen. Egal. Ich mache das. Ob meine Lebenszeit dafür ausreichen wird? Wahrscheinlich nicht. Ob ich eine Chance habe, meine humane Überzeugung ausreichend zu verbreiten? Weiß nicht. Doch anders kann ich nicht. Kann ich nicht sein.

Ob ich mich freuen würde, wenn wir unsere Stimme gegen einen Gauland und seines Gleichen erheben würden? Klar. Ob es mich freuen würde, wenn wir die Menschen, deren Leben nicht so funktioniert, die „Verlierer“ unserer Gesellschaft, davon überzeugen könnten, dass ihnen zwar Unrecht widerfährt, aber dass das dennoch kein Grund bieten mag, Extremisten zu glauben? Ja. JA.

Meine Mutter ist jetzt 80 Jahre alt. Sie hat viel gesehen, viel erfahren. Besonders eins: Menschen sind Menschen. Egal, woher sie stammen, egal, wie sie aussehen, egal, welchen Status sie haben. Menschen sind Menschen. Die anderen sind Monster.

Und was meinst Du dazu?